Abschlussbericht – Winter-Jugendtreff 2015 in Bad Kissingen

von Janet Karanfiloglu

1-Gruppenbild

Unser armenischer Jugendtreff wurde auch im Winter 2015 in Bad Kissingen weitergeführt. Zahlreiche Armenierinnen und Armenier, ob jung oder alt, erschienen an dem besagten Wochenende und brachten viel Schwung und Lebensfreude mit.
Der Anreisetag verlief wie gewöhnlich sehr lustig. Die meisten Jugendlichen blieben ihrer Tradition treu und trafen erst mit Verspätung ein – ein gleichermaßen geliebtes sowie kritisiertes Markenzeichen unseres Volkes.
Nachdem auch endlich alle Jugendlichen den Weg zu uns in die Jugendherberge gefunden hatten, mussten wir uns natürlich einander vorstellen. Ich muss sagen, dass wir Armenier ein sehr musikalisches Talent besitzen, worauf wir stolz sein können. Von den 90 Armeniern habe ich am Wochenende gefühlte 40 Teilnehmer Klavier oder Gitarre spielen gehört. An den Gesichtern und Blicken der Zuhörer waren die Gedankengänge direkt erkennbar: Von „Wow, wer spielt das?“ bis „Nicht schon wieder dieses traurige Lied!“ war alles mit dabei. Natürlich wurden wir auch von einigen Spaßvögeln unterhalten und von Menschen, die viel über sich zu erzählen hatten. Am tollsten fand ich aber das Organisationsteam, das zum ersten Mal über „Walkie-Talkies“ kommunizierte und versuchte, sich gegenseitig zu ärgern. Auch die Jugendlichen schienen von dem Vorreiter des Handys begeistert gewesen zu sein und ergriffen jede Gelegenheit, die „Walkie-Talkies“ der Organisatoren auch einmal zu benutzen, wenn diese unaufmerksam waren.
Es wurden wie immer Vorträge gehalten. Edgar, einer der Organisatoren, brachte die Jugendlichen zum Arbeiten, als er ihnen in einem Workshop den Aufbau und die Umsetzung einer Projektarbeit erläuterte. Die Teilnehmer waren direkt motiviert und überlegten sich Projektthemen, die den Zusammenhalt und die bessere Vernetzung der Armenier im Umkreis fördern könnten.
Nachmittags empfingen wir die Autorin Rafaela Thoumassian, die ihr Buch „Werwolf oder Taube“ vorstellte. Sie las uns die spannendsten Abschnitte daraus vor. In dem Buch geht es um Ana, die in ihre Heimat Armenien reist und ihre Erlebnisse in einem Tagebuch aufschreibt. Konflikte zwischen Armenien und der Türkei werden aufgegriffen und in einer bildlichen Sprache erzählt.
Nach der kognitiven Anstrengung durften wir uns abends bewegen und unser Tanzbein auf dem Parkett schwingen. Anush Chahkalyan, die Tanzlehrerin des Tanzensembles „Anush“ der armenischen Landsmannschaft e.V., legte ihr Programm im wörtlichen und übertragenen Sinne sehr sportlich an. In eineinhalb Stunden versuchten wir, traditionelle armenische Folkloretänze zu lernen. Die Jugendlichen hatten dabei viel Spaß, auch wenn sie zum Teil überfordert waren. Immer wieder kam es vor, dass der eine oder andere seinen Tanznachbar fragte, ob er ihm die Tanzschritte erklären könnte, bis sich überraschenderweise herausstellte, dass dieser genauso verwirrt war. Dies war auch an unseren äußerlichen Verknotungen zu erkennen. Letztlich hatte aber der Großteil der Gruppe das Gefühl, einige Schritte vom Tanzunterricht mitgenommen zu haben. Am selben Abend folgte die armenische Party, bei dem die Crashkurs-Teilnehmer ihr tänzerisches Talent auf die Probe stellen konnten. Ich muss sagen, dass das sehr gut aussah.
Freundlicherweise fand sonntagsmorgens der Gottesdienst statt. Unser Pfarrer Ter Aygik Hovhannisyan fuhr einige Kilometer, um uns zu sehen. Der Pfarrer war sehr interessiert, mit uns zusammenzuarbeiten und hielt mit uns einen Dialog, wie der Zusammenhalt zwischen jungen Armeniern und der Kirche gestärkt werden kann. Zum Glück gab es Jugendliche, die gute Vorschläge hatten und offen zur Sprache brachten.
Nach dem Gottesdienst hielt der Vorsitzende des Zentralrates Orientalischer Christen in Deutschland, Mike Malke, einen Vortrag. Er zeigte uns anschaulich, wie wichtig es ist, den christlichen Glauben nicht zu verlieren. Ebenso machte er uns darauf aufmerksam, wie irrelevant es ist, welche christliche Konfession ein Mensch hat. Christ ist Christ und Mensch ist Mensch. Später erzählte er von seiner Irakreise zu den Flüchtlingsheimen der verfolgten Christen und Jesiden, die ihn emotional mitgenommen hat. Auch uns hat die Geschichte bewegt, vor allem da uns Sachverhalte vermittelt wurden, denen in der Berichterstattung ein eher geringer Stellenwert zukommt.
Unsere Stimmung wurde wieder aufgeheitert, als Taline Akkaya das Projekt „Travel Armenia“ vorgestellt hat, welches verschiedene Möglichkeiten auflistet, um ein Auslandsjahr in Armenien zu verbringen. Der Auslandaufenthalt wirkte erst recht durch die Erfahrungsberichte von Anna Ohanian und Michelle Göttler verlockend. Auch Aykun Kasakyan brachte uns am letzten Abend zum Lachen, als er sehr motiviert und mit einer gewissen Situationskomik über das Leben der Armenier in der Türkei berichtete.
Der letzte Tag verlief wie immer etwas traurig. Die liebgewonnen Menschen mussten sich voneinander verabschieden. Dabei gab es traditionell ein Küsschen links und rechts sowie eine dicke Umarmung. Doch wie man so schön sagt: „ Man hört da auf, wo es am schönsten ist“. Die Garantie haben wir: Denn es war sicher nicht der letzte Jugendtreff!